Zwei Männer unterhalten sich. Einer hält ein Blatt Papier in der Hand.

Mitarbeiterbindung

Zum Auftakt der einundfünfzigsten Runde stellen wir die Frage: „Für wie wichtig halten Sie Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung – und welche davon schätzen Sie als besonders wirksam ein?“

Im Interview mit:


Eine kurze Einleitung:

Die Weisheit, dass Unternehmen, die es schaffen, ihre Mitarbeiter langfristig zu binden, weniger Aufwand in das Recruiting stecken müssen, ist allgemein bekannt. Doch im Sicherheitsgewerbe zeigt sich ein uneinheitliches Bild. Die einen sind „sauber“ geführte Sicherheits-Dienstleister, die soziale Verantwortung für ihre Mitarbeiter übernehmen. Bis hin zu Ausbeuterbetrieben, die nicht einmal den Mindestlohn zahlen. Die Bandbreite reicht von jenen, die einen halbwegs anständigen Lohn als ausreichend erachten, bis zu solchen, die den Obstkorb als Höhepunkt der Fürsorge betrachten.

In Zeiten des Fachkräftemangels steht das Management im Niedriglohnsektor im Sicherheitsbereich vor einer Herausforderung. Kreativere Wege müssen gefunden werden, um die Fluktuation in Grenzen zu halten.
Die Frage nach der Bedeutung von Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung drängt sich dabei auf: Wie wichtig erachten Sie diese Maßnahmen und welche davon schätzen Sie als besonders wirksam ein?

Diese Überlegungen erfordern nicht nur strategisches Denken, sondern auch einen Blick auf die individuellen Bedürfnisse der Mitarbeiter. Es geht nicht nur um finanzielle Anreize, sondern auch um eine Wertschätzung der geleisteten Arbeit und die Schaffung eines angenehmen Arbeitsumfelds. Vielleicht sind flexible Arbeitszeiten, Weiterbildungsmöglichkeiten oder andere innovative Benefits der Schlüssel zur langfristigen Mitarbeiterbindung. Es lohnt sich, die verschiedenen Facetten dieser Frage zu erkunden, um nachhaltige Lösungen zu finden und die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgeber zu steigern.

Rainer Ehrhardt

Geschäftsführer der Gegenbauer Sicherheitsdienste GmbH
Fluktuation ist kein Zufall
Keinesfalls ist es eine Binsenweisheit, die Beschäftigten langfristig ans Unternehmen zu binden, um damit weniger Aufwand ins Recruiting stecken zu müssen. Es ist eine primäre Kernaufgabe der Sicherheits-Dienstleister, wenn diese am Markt bestehen wollen. Der Arbeitsmarkt hat sich unwiderruflich zum Arbeitnehmermarkt entwickelt, und die demografische Entwicklung verändert die Perspektiven unserer Beschäftigten mit höherer Geschwindigkeit, als dies bei den Unternehmen der Fall ist. Während eine nicht geringe Anzahl von Managern noch über Personalmangel klagt, haben andere schon erkannt, dass Fluktuation kein Zufall ist. Das größte Potenzial liegt im eigenen Unternehmen. Denn längst geht es nicht mehr um Fachkräftemangel, sondern um den grundsätzlichen Mangel an gewerblich Beschäftigten, auch ohne Qualifikation. Sicherheits-Dienstleistung und Personalbeschaffung „funktionieren“ bei unseriösen Marktteilnehmer auch ohne anständigen Lohn und ohne jegliche Sozialkompetenz gegenüber den Beschäftigten. Daraus abgeleiteter Unmut über die eigenen Unzulänglichkeiten ist nicht gerechtfertigt, zumal das auch nicht der Maßstab sein kann. Besonders problematisch wird es dann, wenn die Branche mit diesen Unternehmen kooperiert, um die Defizite der eigenen Personalbeschaffung zu kompensieren und damit ungewollt die Fluktuation noch verstärkt. Um am Arbeitsmarkt außerhalb der Sicherheitsbranche zu bestehen, müssen Tariflöhne wettbewerbsfähig bleiben. Zahlt die Branche übertariflich, sind die Tarifverträge nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind. Im Niedriglohnsektor ist die zuverlässige und fehlerfreie Entlohnung ein wesentlicher Hygienefaktor. Aber Geld ist zur Bindung der Beschäftigten nicht allein ausschlaggebend. Neben den maßgeblichen Arbeitsbedingungen und den individuellen Benefizangeboten sind die Einbindung ins Kollegium, die persönliche Nähe zum Management, glaubhafte Wertschätzung, Verbindlichkeit in Zusagen, Zugehörigkeitsgefühl, der persönliche Umgang, Fortbildungsangebote, kompetente Führungsstrukturen, konsequente Betreuung und ein erfolgreiches Onboarding für Neueinstellungen wirksame Methoden zur Bindung der Beschäftigten.

Dirk Faßbender

Prokurist und Leiter der KÖTTER Akademie GmbH & Co. KG
Vertrauen ist der Anfang von allem
Der Erfolg von Unternehmen ist wesentlich von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern abhängig. Diese sind wohl unumstritten das wichtigste Kapital einer personalintensiven Dienstleistung überhaupt. Erfolgreiche Dienstleistungen hängen stets unmittelbar von der Qualität der Beschäftigten und ihren Leistungen beim Kunden ab. In Zeiten, in denen es immer schwieriger wird, gute Arbeits- und Fachkräfte zu finden, ist es zwingend notwendig, die Aufmerksamkeit auf das Verbleiben der Beschäftigten zu richten. Die Mitarbeiterbindung ist im Allgemeinen nicht als einzelne Aktivität zu verstehen, sondern muss als ganzheitlicher Prozess angesehen werden. Punktuelle Aktivitäten wie kostenfreie Obstkörbe und Getränke sind dabei wenig zielführend, da ihre Wirkung schnell verpufft und sich irgendwann jeder daran gewöhnt hat. Vielmehr ist der Faktor Vertrauen eine, wenn nicht sogar die Grundlage für die Verbundenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihrem Unternehmen gegenüber – Vertrauen also gegenüber Kollegen, Vorgesetzen und dem Unternehmen selbst. Vertrauen ist dabei keine Einbahnstraße, kann aber nur entstehen, wenn Grundsätze und Regeln bestehen, nach denen sich alle Hierarchieebenen des Unternehmens richten. Individuelle und bedarfsbezogene Unterstützung und Respekt aller Beteiligten fördern das interpersonale Umfeld im gesamten Unternehmen. Das wiederrum ist im genannten Schlüsselmerkmal „Vertrauen“ zu finden und steigert folglich auch die Zufriedenheit an sich. Ein weiterer Baustein bei der Mitarbeiterbindung lautet Identifikation. Denn wenn sich zwischen Belegschaft und Unternehmen eine ganzheitliche Bindung aufbaut und ein grundlegendes positives Gefühl die Beschäftigten mit dem Unternehmen verbindet, dann stehen diese auch konsequent hinter IHREM Unternehmen. Auch der Baustein Commitment, in diesem Fall also die emotionale Bindung an das Unternehmen, ist existenziell. Denn nur wenn sich die Beschäftigten durch ein Zugehörigkeitsgefühl als „Teil der Familie“ verstehen, besteht eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Unternehmen. Die Verbundenheit im Kontext der Mitarbeiterbindung basiert daher auf der grundlegenden Zufriedenheit mit der Arbeit, einem guten Miteinander mit Kollegen und Vorgesetzten, der Anerkennung und Wertschätzung ihrer Leistungen sowie einer angemessenen Entlohnung. Wenn also ein System geschaffen wird, das eine gerechte Bezahlung sicherstellt, persönliche Leistungen honoriert, Beschäftigten vertraut und wertschätzt, diese weiterentwickelt und zudem noch emotional einbezieht, dann kann dieses System auch effektiv arbeitende Beschäftigte an ein Unternehmen binden.

Sebastian Otten

Sicherheitskoordinator bei der OBJEKTCONTROL Sicherheitsdienste Vogt GmbH
Kein Luxus, sondern Investition in die Zukunft
Eine der wirksamsten Maßnahmen zur Mitarbeiterbindung ist heute die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das heißt nicht, Beschäftigten grundsätzlich flexible Arbeitszeiten und freie Wochenenden versprechen zu können, denn das funktioniert in der Branche leider nur höchst selten. Was aber hilft, ist Verbindlichkeit auf beiden Seiten. Beispiel: Freischichten müssen Freischichten bleiben. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Elternzeit zu motivieren und diese auch wohlwollend zu akzeptieren, kann ein weiterer Basisbaustein sein. Auch Zusatzleistungen wie Weiterbildungsangebote und entsprechende Kostenübernahme können dazu beitragen, langfristig an das Unternehmen zu binden. Denn gerade Fachkräfte sehnen sich nach Perspektiven. Wir weisen daher gezielt auf Bildungsurlaub hin und ermöglichen die berufsbegleitende Fortbildung. So besuchen zum Beispiel aktuell drei unserer Fachkräfte berufsbegleitend die Meisterschule. Zudem sollten Arbeitgeber auf eine positive Arbeitsatmosphäre achten und die offene Kommunikation fördern, um ein angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen. Hierzu gehört auch die Mitarbeitersicherheit. Der Einhaltung von Arbeitsschutzgesetz, Arbeitssicherheitsgesetz, Anforderungen der Vorschrift 2 der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und der Vorgaben der Sozialgesetzbücher gerecht zu werden, kann eine große positive Auswirkung auf die Beschäftigten haben. Abschließend lässt sich sagen, dass Mitarbeiterbindung im Sicherheitsgewerbe von großer Bedeutung ist. Unternehmen sollten sich bewusst sein, dass sich die Investition in Mitarbeiterbindung langfristig auszahlt und ökonomisch sinnvoll ist. Ich empfehle allen Unternehmen im Sicherheitsgewerbe, sich aktiv mit diesem Thema auseinanderzusetzen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Mitarbeiter langfristig ans Unternehmen zu binden.

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