Ein Bild mir vielen Monsterablättern.

Tarife in der Sicherheitsbranche: Der Tarifdschungel

Zum Auftakt der fünfzigsten Runde stellen wir die Frage: „Woran liegt es, dass sich bislang nichts bei den Tarifen in der Sicherheitsbranche geändert hat?“

Im Interview mit:


Eine kurze Einleitung:

Deutschland – einig Bürokratenland!
Ein Paradebeispiel hierfür liefert das Sicherheitsgewerbe mit seiner verwirrenden Vielzahl von Entgelttarifen – über 450 Lohnarten, verteilt auf bundesweit 70 Tarife. Diese komplexe Struktur ist seit Jahren ein Dorn im Auge und wirft die Frage auf, warum sich in diesem Bereich scheinbar nichts ändert.

Vor bereits vier Jahren wurde dieselbe Problematik in einer „Frage in die Runde“ aufgegriffen. Damals herrschte Einigkeit in der Meinung: Es muss sich etwas ändern. Dennoch sind seitdem keine spürbaren Veränderungen eingetreten. Viele Beschäftigte haben noch immer Schwierigkeiten zu verstehen, welchem Tarifvertrag sie unterliegen und welchen finanziellen Einfluss dies auf ihre Gehälter hat. Es scheint, als würden bestimmte Gewerkschaften und Verbände mit dieser undurchsichtigen Vielfalt an Tarifen ihr Herrschaftswissen zementieren und ihre Daseinsberechtigung festigen.

Angesichts dieser stagnierenden Situation möchten wir Ihre Meinung dazu erfahren: Halten Sie nach wie vor für notwendig, dass sich etwas ändert? Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe dafür, dass bislang keine nennenswerten Fortschritte erzielt wurden? Wer oder was behindert Veränderungen – ist es eine Mauer des Unwillens oder Gleichgültigkeit? Und vor allem: Welche Schritte könnten unternommen werden, um die Tariflandschaft zu vereinfachen, selbst wenn eine Reduktion auf einen einzigen Tarif nicht realistisch erscheint? Ihre Einschätzung zu diesen Fragen wäre äußerst interessant und könnte dazu beitragen, neue Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.

Dirk Dernbach

Geschäftsführer der SECURITAS Sport & Event GmbH & Co. KG
Eine Frage des Gebens und Nehmens
Ja, ich bin weiterhin der Ansicht, dass sich im Tarifwust etwas ändern muss. Ich möchte jedoch dieses „Passiert ist nichts“ nicht so stehen lassen. Wenn man sich die Entwicklung der Tarifverträge ansieht, kann man durchaus Veränderungen feststellen. Womöglich nicht so, wie wir uns das erhofft haben. Aber wie im richtigen Leben – und unsere Politiker machen uns dies tagtäglich vor – ist es nun mal so, dass eine Verhandlung so gut wie immer ein Geben und Nehmen ist: Möchtest du dies, will ich von dir das! Es entzieht sich meiner Kenntnis, wie sich die Tarifstruktur so unübersichtlich entwickelt hat. Ich gehe aber davon aus, dass dies zu seinerzeit sinnvoll erschien. Aber wie war das doch noch mit den „Geistern, die ich rief“? Jetzt sind wir anderer Meinung. Daher komme ich zurück auf das Wort „vernünftig“, das ja auch in den Fragen enthalten ist: Manchmal fehlt es halt an dieser Vernunft, und Forderungen werden ungeachtet der notwendigen Vernunft aufrechterhalten oder sind nur Bestandteil von Gesprächen, wenn sich für eine der Parteien ein Vorteil abzeichnet. Im Grunde also alles normal!

Marcus A. Karallus

Leiter des Akademiebetriebs der Power Akademie GmbH
Nötig wäre eine einheitliche bundessweite Regelung mit Ausnahmen
Selbstverständlich sollte es eine Vereinheitlichung der Tarife geben. Aber wenn dies laut gesagt wird, hört man gleich den Einwand, dass man damit an den Grundfesten der Tarifautonomie rüttele – und somit an den Grundpfeilern der Verfassung. Dem ist zu entgegnen, dass der individuelle Gleichheitsgrundsatz aus dem Grundgesetz mehr wiegt als eine institutionelle Handlungsfreiheit von Verbänden und Gewerkschaften. Die Arbeitnehmerorganisationen vertreten nur die Interessen weniger Beschäftigter in einer traditionell gewerkschaftlich schwach strukturierten Branche, der aber sehr gut organisierte und stark besetzte Arbeitgeberverbände gegenüberstehen. So ist eine durch Streik, Verhandlung und Schlichtung durchgesetzte Tarifforderung nur in kleinen Teilen (zum Beispiel Fluggastkontrolle) der Branche möglich. Wenn genau zu identifizieren wäre, wer mauert, wäre das ein Schritt in die richtige Richtung für die Arbeitnehmer. Sicherheit ist in vielen Bereichen der Wirtschaft verfügbar geworden, sodass der Umstand einer niedrigen Tarifstruktur zu einer Erhöhung der allgemeinen Sicherheitslage in Deutschland beiträgt. So kann man im Perspektivwechsel nicht davon ausgehen, dass Menschen in ihrer Entlohnung einfach nur systematisch zu wenig Geld verdienen sollen, sondern private Sicherheit für viele Branchen bezahlbar bleiben muss. Jeder Kostenfaktor macht Deutschland für einige Unternehmen finanziell unattraktiv. Ein ewiges wirtschaftliches Dilemma: Welche Kosten können niedrig gehalten werden? So lange über Lebens-(Arbeits-)zeit in Cent und Euro für jede Branche einzeln verhandelt wird, wird es große Verdienstunterschiede geben. Nur eine riesige Solidarität aller Arbeitnehmer, die zu einer generellen Erhöhung des Mindestlohnes führt, könnte die Wende bringen. Der Abstand zwischen Bürgergeld und Erwerbsarbeit muss steigen, ohne die Leistungsempfänger noch weiter ins unsozial-gesellschaftliche Abseits zu drängen. Also ein weiteres Dilemma. Um die Zahl der Tarife auf ein vernünftiges Maß zu verringern, müsste es eine einheitliche bundessweite Regelung mit Ausnahmen, zum Beispiel regionale Zuschläge, geben, die den Zweck haben, die finanzielle Belastung der Arbeitnehmer durch hohe Wohnungsmieten abzufedern.

Bernd M. Schäfer

Geschäftsführender Gesellschafter der Atlas Versicherungsmakler für Sicherheits- und Wertdienst GmbH
Wenn niemand etwas ändern will, dann ändert sich auch nichts
Deutschland liebt Vorschriften. Deutschland hat die Illusion, durch möglichst genaue und feinteilige Regelungen die bestmöglichen Ergebnisse zu erreichen. Jede Gruppe – und sei sie auch noch so klein – wird berücksichtigt, niemand wird benachteiligt, jeder wird gehört. Dieser realitätsferne Ansatz zeigt sich bei Genehmigungsverfahren, dem Steuerrecht und eben auch im Tarifdschungel. Wir stehen uns selbst im Weg! Und natürlich haben auch die Tarifparteien ein Interesse daran, dass alles nicht so einfach zu verstehen ist. Wie könnte es sonst sein, dass nach dem Abschluss von Tarifverhandlungen jede Seite das Ergebnis als Erfolg verkauft?! Das Ergebnis ist schlicht im Detail nicht nachvollziehbar, deshalb gibt es diese Darstellungsmöglichkeit. Wenn es einfach wäre, bräuchte man auch keine mit Managergehältern ausgestatteten Gewerkschafter, die sich in diesem selbst mitgeschaffenen System kommod eingerichtet haben. Hier bildet die Sicherheitswirtschaft keine Ausnahme. Bei der Angebotsabgabe findet jeder den richtigen Weg zu einer kreativen Kalkulation unter Anwendung der selbstgewählten Interpretation des anwendbaren Tarifs. Kurz: Der Tarifdschungel eröffnet reichlich Spielraum für Manipulationen. Genauso wie eine Privatperson bei der Steuererklärung scheitern kann, kann sich allerdings auch der rechtschaffene Sicherheits-Dienstleister in bester Absicht verkalkulieren. Wenn aber von den Braven und den Bösen und den Gewerbetreibenden und den Gewerkschaften niemand ein Interesse an einer Änderung hat, dann gibt es sie auch nicht. Der Eingriff der Politik in die Tarifautonomie wäre erforderlich, wird aber aus grundsätzlichen Überlegungen nicht kommen. Eine Besserung ist deshalb nicht in Sicht. Lediglich eine drastische Ausweitung der Kontrollen des Zolls kann wenigstens schwarze Schafe aus der Branche herausholen. Würde der Zoll auch die Auftragsvergabe der öffentlichen Auftraggeber kontrollieren, dann würde an dieser Stelle der Druck auf besonders üble Auftraggeber erhöht.

Michael Wronker

Vizepräsident des BVMS e.V.
Wir haben fast fertige Tarifverträge in der Schublade
Leider hat sich trotz einiger Versuche in der Vergangenheit bisher an der Tarifstruktur wenig bis nichts geändert. Wir als BVMS haben mehrfach versucht, Einfluss auf die Tarifverhandlungen zu nehmen. In unserer Schublade liegen fast fertige Tarifverträge, die die Tarifstrukturen deutlich übersichtlicher machen und Vieles vereinfachen würden. Leider gab es von Seiten der verdi-Gewerkschaft und auch von Seiten des anderen Berufsverbands keine Bereitschaft, den BVMS in entsprechende Verhandlungen einzubeziehen. Das bedauern wir sehr. Allerdings nützt es auch nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Grundsätzlich ist es erst einmal wichtig, dass die führenden Personen überhaupt den Willen entwickeln, in der Sache voranzukommen. Bisher war die Begründung für eine Ablehnung der BVMS-Beteiligung immer wieder, dass unsere Mitgliedsunternehmen angeblich nicht genug Arbeitnehmer unter Vertrag haben. Das sehen wir natürlich anders, da die Mitgliedsunternehmen des BVMS viele Tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen. Dementsprechend müssen wir also weiter daran arbeiten, die Gewerkschaften von unseren Konzepten zu überzeugen. Alle Unternehmer, die ein Interesse daran haben, dass sich die Tarifstrukturen positiv verändern, könnten also durch eine Mitgliedschaft im BVMS etwas dafür tun, diesen Verband mit einem größeren Einfluss auszustatten und als Ansprechpartner für die Gewerkschaften interessant zu machen.

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